Suche
Sie sind hier: Aspekte / Bühne
Baumeister und die Bühne
Zum Thema Willi Baumeister und die Bühne wurde Ende 2007 im Kunstmuseum Stuttgart eine umfangreiche Ausstellung gezeigt.
Willi Baumeister entdeckte bereits Ende der 1910-er Jahre das Theater als ein weiteres Feld für seine künstlerische Arbeit. Baumeister hatte sich bisher intensiv mit Malerei beschäftigt. Zunehmend löste er sich aus der zweidimensionalen Fläche. Seine konstruktivistischen Gemälde dieser Zeit enthalten sehr häufig reliefhafte Elemente. So treten einzelne Farbflächen oder Bildelemente durch Aufbringen von Gips oder Sperrholzteilen haptisch hervor.
Alle Entwürfe Willi Baumeisters auf einen Blick finden Sie in einer Übersicht.
Herbert Kranz: 'Die Freiheit', Bühnenbild von Willi Baumeister, Stuttgart 1920
Die Beziehung von Fläche, Raum und Architektur stellten für ihn ein wichtiges Thema dar: Baumeisters so genannte Mauerbilder entstanden in dieser Zeit. Diese Wandarbeiten, die durch Reliefstrukturen in den Raum greifen, waren ein Ergebnis dieser Beschäftigung. Insofern ist es nicht weiter verwunderlich, dass ihn die Arbeit am Theater reizte, denn hier ging es darum, den klar definierten, dreidimensionalen Bühnenraum zu gestalten.
Aufbruch zu einer »neuen« Bühne
Seit Ende des 19. Jahrhunderts war eine Entwicklung zur Erneuerung des Theaters zu spüren. Das Bedürfnis nach Veränderung und einem Aufbruch in eine neue Welt wurde nach dem Ersten Weltkrieg noch verstärkt. Der Akademismus, der die europäischen und russischen Bühnen bestimmte, wurde von der jüngeren Generation als dringend erneuerungsbedürftig empfunden. Die enge Gegenständlichkeit der naturalistischen Bühne sollte überwunden werden. Viele, später sehr berühmte Regisseure wie Konstantin Sergejewitsch Stanislawski, Wsewolod Emiljewitsch Meyerhold und Max Reinhardt sahen im bildenden Künstler, speziell im Maler, das Potenzial einer Belebung der Bühne. Interessanterweise entstanden gerade Ende der 1910-er Jahre und zu Beginn der 1920-er Jahre ganz neue Bühnenszenen, die tatsächlich von Malern oder Malerinnen gestaltet wurden. Die Veränderung der Sehgewohnheiten, die in der bildenden Kunst um die Jahrhundertwende stattfand, fand auch ihren Niederschlag auf der Theaterbühne. Die Bühne wurde zum Austragungsort neuer künstlerischer Formen.
Baumeisters Entwürfe als Beitrag zur Inszenierung
Ernst Toller: 'Die Wandlung', Bühnenbild von Willi Baumeister, Stuttgart 1920
Baumeister entwickelte für Theaterstücke wie Gas von Georg Kaiser (1919) oder Die Wandlung von Ernst Toller (1920) einfachste Konstruktionen für die Bühne, denn es ging ihm nicht darum, einen naturalistischen Raum zu gestalten und das Stück zu illustrieren, sondern mit dem Bühnenbild einen aktiven Beitrag zur Inszenierung zu liefern. Diese ersten Entwürfe wurden auf der Bühne des privaten Deutschen Theaters in Stuttgart realisiert. Sie lassen sich problemlos in die Arbeiten der künstlerischen Avantgarde wie der russischen Künstlerinnen Alexandra Exter und Ljubow Popowa oder des Künstlers Alexander Wesnin einreihen.
Viele Jahre später, am 26.2.1950 schrieb Baumeister an Egon Vietta (Dramaturg und Schriftsteller), für dessen Stücke er in den 1950er Jahren Bühnenbilder entwarf:
dekor, beleuchtung u. kostüme verstärken das geschehen auf der büne [sic!] und verdoppeln den früher dargebotenen kunst-wert des theaterstücks. - da sich die mittel der bühnenbildner aus seinen elementen herleiten, bleiben sie nicht im rein folienhaften, nur illustrativ (-naturalistisch-) abgeleiteten - sondern gewinnen eine eigenkraft. sie begleiten mehr das geschen [sic!] auf der bühne, als dass sie nur eine abgeleitete rolle spielen.
![]()
Interessant daran ist, dass sich diese Aussage bereits auf die ersten seiner Bühnenentwürfe anwenden lässt und sich diese, seine Auffassung als roter Faden durch sämtliche seiner Bühnearbeiten durchzog.
Die Bedeutung der Farbe
Georg Friedrich Händel: 'Ariodante', Bühnenbild von Willi Baumeister, Stuttgart 1926
1926 entwarf Baumeister das Bühnenbild für die Oper Ariodante von Georg Friedrich Händel am Landestheater in Stuttgart: einen klaren Bühnenraum, auf dem ein ausgewogenes Kräfteverhältnis zwischen Raum, Sängern und Chor bestand. Dabei betonte er genau eingesetzte Farbflächen, die durch die neue Beleuchtungstechnik besonders herausgearbeitet werden konnten. Den einzelnen Figuren wurden jeweils ganz bestimmte Farben zugeordnet. Der Held, die Heldin erschien in weiß und zitronengelb, der König rot. So arbeitete er eine Farbskala und die Farbwerte für die Solisten und den Chor exakt heraus.
Während seiner Lehrtätigkeit in Frankfurt von 1928 bis 1933 entstanden zwei weitere Bühnenbilder für den Südwestdeutschen Rundfunk in Frankfurt. Während der zwölfjährigen Herrschaft der Nationalsozialisten konnte er als entarteter Künstler nicht für das Theater arbeiten.
Neue Ansätze nach 1945
Egon Vietta: 'Monte Cassino', Bühnenbild von Willi Baumeister, Essen 1949
Aber bereits 1947 entwarf er - wieder für den Südwestdeutschen Rundfunk - sein erstes Bühnenbild nach dem Krieg. Im Oktober desselben Jahres fand die Premiere des Balletts Liebeszauber zur Musik von Manuel de Falla in Stuttgart statt: Das Bühnenbild war eine Sensation - Baumeister schaffte es damit auf das Titelblatt des Spiegels. Die konstruktivistisch anmutende Szenerien von vor dem Zweiten Weltkrieg wurden abgelöst durch freie, teilweise spielerische Formen, die dem Zuschauer Empfindungsräume eröffneten, die er durch seine eigene Phantasie zu füllen vermochte.
In den Jahren bis zu seinem Tod 1955 entstanden sieben weitere Bühnenbilder aus seiner Hand. Unter seiner Anleitung schufen im Jahr 1949 einige seiner Studierenden Bühnenentwürfe zur Franziskuslegende von Ullrich Klein-Ellersdorf.
Die Aufgabe des Bühnenbilds
Max Komerell: 'Kasperlespiele für grosse Leute', Bühnenbild von Willi Baumeister, Darmstadt 1953
Baumeister äußerte sich 1953 in das neue forum 6:
Beim Bühnenbild gilt zwar auch, einer Sache zu dienen, jedoch nicht auf illustrative Weise. Diese ist auf das unumgänglich Notwendige zurückgedrängt. Das aktive Bühnenbild ist "ergänzend" nicht illustrativ. Entsprechend diesem Verfahren wird das Bühnenwerk mit allen seinen Mitteln (Wort, Geste, Kostüm, Bühnenbild, evtl. Musik) zwar erstlich in seine einzelnen Mittel oder Urelemente gespalten - es belässt reinlich diesen Elementen ihre direkte, elementare Wirkung und findet erst im letzten "Zusammen" durch einen Ergänzungswillen die stärkste Synthese einer Kunstform.
![]()
Willi Baumeister und Gustav R. Sellner vor dem Modell zu Jean Giraudoux' 'Judith', 1952
Nach Baumeister bestand die Aufgabe des Bühnenbildes darin, dass es nicht alles vollständig verdeutlicht oder erklärt. Das bedeutet, dass die räumlichen und architektonischen, die farbigen und beleuchtungstechnischen Mittel sowie die beweglichen Bühnenteile sich gegenseitig genügend Entwicklungsraum lassen müssen und gleichzeitig abstrahierend wirken sollten.
Baumeisters Formensprache auf der Bühne veränderte sich - genau wie auch in seiner Malerei. Doch seiner Vorstellung, dass das Bühnenbild Teil des gesamten Bühnenerlebnisses sein sollte, blieb er bis zuletzt treu.
-
Diesen Artikel empfehlen.
-
218269 Besucher